Ich bin 1981 in München geboren und mit zwei Sprachen aufgewachsen, die selten ganz dasselbe meinten. Die eine hatte ein Wort für Gemütlichkeit, die andere eines für hüzün, und keine konnte das Wort der anderen wirklich übersetzen. Vielleicht habe ich damals zum ersten Mal gelernt, was ich heute beruflich tue: zuhören, wo die Sprache an ihre Grenze kommt.
Studiert habe ich in Deutschland, zweimal und auf zwei Wegen, die sich später als derselbe herausstellten. An der Universität Duisburg-Essen schloss ich als Diplom-Sozialwissenschaftler ab, mit den Schwerpunkten Soziale Arbeit und Erziehung; daneben erwarb ich den Magister Artium in Germanistik, Politikwissenschaft und Computerlinguistik. Später kam an der İstanbul Kent Üniversitesi der Master in Klinischer Psychologie hinzu. Wer so lange mit Texten gelebt hat, hört auch im Therapiezimmer auf den Satzbau: wo jemand stockt, wo er ins Passiv flieht, wo ein Wort fehlt, das er eigentlich kennt.
Von 2005 bis 2009 arbeitete ich in der psychosozialen Versorgung. 2010 übernahm ich in Izmir die Leitung des Counseling Center, eines kleinen Hauses in Alsancak, in dem seither Menschen Rat suchen – auf Türkisch und, für diese Seite entscheidend, auf Deutsch. Seit 2020 supervidiere ich regelmäßig Kolleginnen und Kollegen, seit 2021 leite ich das Gewissen Logoterapi Enstitüsü Türkiye, ein vom Viktor Frankl Institut Wien (VFI) – International Association of Logotherapy and Existential Analysis akkreditiertes Institut für Logotherapie und Existenzanalyse.
Seit 2023 arbeite ich außerdem in der deutschen Kinder- und Jugendhilfe, in der Individualpädagogik nach § 35 SGB VIII, und zwar vollständig online. Ich begleite Mädchen und Jungen zwischen zehn und achtzehn Jahren therapeutisch in Einzelgesprächen, stimme mich regelmäßig mit dem Jugendamt ab und supervidiere die Pädagoginnen und Pädagogen, die sie im Alltag betreuen. Es sind junge Menschen, für die es in keiner Schule, keiner Wohngruppe und manchmal in keiner Familie mehr einen Platz gab; Jugendliche, die überall zu viel waren und nirgends genug. Wenn wir uns kennenlernen, stehen viele von ihnen ganz unten. Von dort aus versuchen wir gemeinsam den Aufstieg, Stufe um Stufe, mit Rückschlägen und Umwegen – und manchmal, nicht immer, aber öfter, als man glauben möchte, bis ganz nach oben.
Zwischen den Kulturen
Eine Weiterbildung hat meine Arbeit besonders geprägt: die Positive und Transkulturelle Psychotherapie nach Nossrat Peseschkian. Wer selbst zwischen zwei Kulturen lebt, weiß, wie schnell eine Gewohnheit als Charakterfehler missverstanden wird – Pünktlichkeit als Kälte, Gastfreundschaft als Aufdringlichkeit, Zurückhaltung als Desinteresse. Mit diesem Ansatz arbeite ich seit Jahren in der interkulturellen Beratung und Therapie: mit binationalen Paaren, mit Familien zwischen Deutschland und der Türkei, mit Menschen, die in der Fremde ihre eigene Herkunft neu lesen lernen. Er schärft den Blick dafür, dass hinter fast jedem Konflikt eine Fähigkeit steht, und dass Verständigung dort beginnt, wo man die Grammatik des anderen ernst nimmt. Mehr dazu unter Wege und Zwischen zwei Ufern.
Warum Literatur in einer Praxis?
Weil Menschen ein wenig wie Bücher sind. Man liest sie nicht in einer Stunde. Manche Kapitel überschlagen sie selbst, andere lesen sie immer wieder, und das Wichtigste steht nicht selten am Rand. Ich schreibe – Essays über Psychologie und Literatur auf Kenar Notu und Bücher auf Türkisch: Ericksonian Hipnoz ve Ego-State Terapisi: Klinik Bilim ve Uygulama (dt. „Ericksonsche Hypnose und Ego-State-Therapie: Klinische Wissenschaft und Praxis“), Psikoterapi Hikâyeleri: İçeride Olanlar – Ericksonian ve Varoluşçu Perspektiften Terapötik Süreçler (dt. „Psychotherapie-Geschichten: Was drinnen geschieht – Therapeutische Prozesse aus Ericksonscher und existenzieller Perspektive“) und Birkaç Satır – Kalan Kısa Metinler: Şiirsel Notlar / Varoluş Fragmanları (dt. „Ein paar Zeilen – Kurze Texte, die geblieben sind: Poetische Notizen / Fragmente des Daseins“). Mehr darüber auf der Seite Bücher. Außerdem übersetze und lektoriere ich. Kafka, Schnitzler, Zweig und Tanpınar sitzen dabei nicht im Sessel, aber sie sind oft im Raum.